Die Umbenennung der Bürgermeister-Gräfer-Schule – ein Beitrag zur Erinnerungskultur in Lemgo

Detlef Höltke
Detlef Höltke

Der Rat der Alten Hansestadt Lemgo hat am 14.12.2009 dem Antrag der Bürgermeister-Gräfer-Schule auf Umbenennung zugestimmt. Damit hat er auch die lange intensive Debatte von Lehrenden, Lernenden und Eltern an dieser Schule gewürdigt. Die Schulleiterin Elisabeth Webel hatte diesen Prozess im Schulausschuss dargestellt und im Vorfeld der 50-Jahr-Feier um eine rasche Entscheidung gebeten. Der Ratsbeschluss hat darüber hinaus der Forderung vieler Lemgoer Bürgerinnen und Bürger aus den letzten Jahrzehnten der Gräfer-Debatte entsprochen. Wir Grünen begrüßen diese Entscheidung.

Dem Beschluss war auch eine zweijährige politisch-historische Beschäftigung mit dem Thema Gräfer auf interfraktioneller Ebene vorausgegangen. Die politischen Parteien im Rat waren also informiert – ganz zu schweigen von der seit den späten 70er Jahren immer wieder emphatisch geführten Diskussion um Gräfer in der Lemgoer Öffentlichkeit. Deshalb war die Zeit reif für eine Entscheidung.

Ein Schulname ist etwas anderes als der Name einer Straße. Für die Schule bedeutet er nicht das bloße Erinnern an eine Person öffentlichen Interesses. Er dient in besonderem Maße als Leitbild für die Erziehungs- und Bildungsarbeit und ist insofern identitätsstiftend. Diese Identitätsstiftung verläuft heute unter anderen Vorzeichen als 1969: Die Realschule spricht in ihrem Antrag von einem Leitbild für demokratische Prinzipien. Sie hat mit guten Gründen für sich entschieden, dass sie ihr Schulprogramm künftig nicht unter dem Namen Gräfers führen will. Gerade deshalb aber stehen Namensgebung und –änderung auch im Blickfeld der Projektwochen zur 50-Jahr-Feier 2010; die Schule ist sich ihrer Verantwortung bewusst.

Die Umbennung bedeutet weder für die Realschule noch für die Stadt, dass der Name Gräfer aus der kollektiven Erinnerung verschwindet. Im Gegenteil: Die „schonungslos offene Debatte“ (Hanne Pohlmann) um Gräfer muss weiter gehen. Dies betrifft weniger die Rolle von Wilhelm Gräfer zwischen 1933 und 1945, denn diese hat die Historiografie nachdrücklich erforscht. Es ist unstrittig, dass sich Gräfer um das NS-Regime als Funktionsträger verdient gemacht hat. Im Hintergrund der Ratsdebatte steht stattdessen das Selbstverständnis der Lemgoer Stadteliten nach 1945, für die Gräfer als „Märtyrer“ eine „kollektive Selbstreinigung“ (Klaus Pohlmann) bedeutete.

Die Funktionalisierung des Bürgermeisters Gräfer in der Nachkriegszeit bleibt ein Thema für die zukünftige Diskussion in Lemgo. Insofern mag der gestrige Tag auch der Auftakt zu einer vertieften wissenschaftlichen Beschäftigung Lemgos mit seiner jüngeren Vergangenheit sein. Einer Vergangenheit, die bis zum Moment der Namensgebung für die Realschule reicht: Der Name Gräfer steht nicht nur für 1933 und 1945, er steht auch für 1969.

Dr. Burkhard Pohl

Hier die Rede von Detlef Höltke im Rat:

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