Digitale Stärke gegen Hass im Netz
Rund 45 Frauen aus dem gesamten Kreis Lippe folgten unserer Einladung zum Frauenfrühstück in Lemgo. Bereits zum 8. Mal fand die Veranstaltung rund um den Internationalen Frauentag statt und hat sich inzwischen zu einem festen Treffpunkt für Austausch, Diskussion und Vernetzung entwickelt. Organisiert wurde die Veranstaltung wie jedes Jahr von einem Frauen-Team von Frauen von Bündnis 90/ Die Grünen aus
Lemgo mit finanzieller Unterstützung des Kreisverbands Lippe.
Ortssprecherin Elizabeth Junghärtchen begrüßte die Frauen und forderte sie in ihrer Rede auf, sich zu trauen auch in die Ausschüsse der Kommune hinzugehen, wo über Gelder und Projekte entschieden wird. Ebenso ergriff Wiebke Kopsieker vom Kreisverband Lippe das Wort. Sie kritisierte die Forderung, dass weniger Teilzeit gearbeitet werden soll.
„Wenn Care-Arbeit plötzlich als Lifestyle-Teilzeit umgelabelt wird, wird damit die Lebensrealität vieler Menschen schlichtweg lächerlich gemacht.“
Wiebke Kopsieker, Sprecherin KV Lippe
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Thema „#stophate – Frauen für digitale Stärke“. Die Teilnehmerinnen diskutierten intensiv über digitale Gewalt, politische Einflussnahme durch Techkonzerne und über Wege, Frauen im digitalen Raum zu stärken.
Als Expertinnen waren die Europaabgeordnete Alexandra Geese sowie unsere nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende Julia Eisentraut zu Gast.
Für eine besondere Atmosphäre sorgte die musikalische Begleitung der Pianistin Anna Ikramova, die Stücke von wiederentdeckten und fast vergessenen Komponistinnen spielte und damit bewusst Musik von Frauen in den Mittelpunkt stellte.



Hass im Netz als Geschäftsmodell – und politisches System
Alexandra Geese, Expertin für Digitalisierung, Demokratie und Frauenrechte im Europäischen Parlament und eine der zentralen Verhandlungsführerinnen beim Digital Services Act, warnte vor der zunehmenden Verdrängung von Frauen aus dem digitalen Raum.
Nach ihren Worten zeige sich in sozialen Netzwerken eine klare Tendenz: Frauen sollen
eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht werden.
„Hass, Wut und Angst sind keine Zufallsprodukte. Die Algorithmen sozialer Netzwerke verstärken genau diese Emotionen, weil sie Menschen länger auf den Plattformen halten.“
Alexandra Geese, Expertin für Digitalisierung, Demokratie und Frauenrechte im Europäischen Parlament
Damit sei aus einem Geschäftsmodell ein politisches System geworden. Plattformen würden gezielt Inhalte verstärken, die Polarisierung und Aggression erzeugen. Dies gefährde zunehmend demokratische Debatten und insbesondere die politische Beteiligung von Frauen.
Der Digital Services Act der Europäischen Union verpflichtet Plattformen grundsätzlich dazu, Risiken durch ihre Algorithmen zu überprüfen und zu reduzieren. Mehrere europäische Regierungen – darunter die von Spanien und Frankreich– drängen inzwischen auf eine konsequente Anwendung dieser Regeln.
Deutschland hingegen zeige bislang weniger politischen Druck, kritisierte Geese. Auch eine mögliche Digitalsteuer für große Techkonzerne werde derzeit nicht entschieden verfolgt – unter anderem aus Sorge vor wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen wie Zöllen oder Visa-Beschränkungen.
Techkonzerne und Kontrolle über öffentliche Meinung
Geese warnte zudem vor der politischen Strategie großer Plattformunternehmen wie Meta sowie vor dem Einfluss von Tech-Milliardären wie Elon Musk. Ziel sei es zunehmend, die öffentliche Meinung durch algorithmische Steuerung nach rechtsaußen zu verschieben. Dabei spiele Gewalt gegen Frauen eine zentrale Rolle.
Als Beispiel nannte Geese Elon Musks’s KI-Modell Grok, mit denen auf X Millionen sexualisierte Bilder von Frauen generiert wurden – darunter auch zehntausende missbräuchliche Darstellungen von Kindern. Solche Entwicklungen sendeten eine klare Botschaft: Frauen sollten aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden und Männer sollen wieder frei über Frauen verfügen dürfen. In der idealen Gesellschaft der Tech-Bros sind Frauen Gebärmaschinen und Sexobjekte, keine Menschen mit gleichen Rechten.
Gleichzeitig gebe es aber auch positive Signale: Im Europäischen Parlament wachse der politische Druck, gegen solche Plattformen und Anwendungen vorzugehen.
Ein weiteres Beispiel für erfolgreichen Widerstand sei die europaweite Kampagne My Voice, My Choice, eine Initiative von Frauen für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, die große Unterstützung im Europäischen Parlament erhalten habe.
Erfahrungen aus der Techbranche
Die nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Julia Eisentraut schilderte persönliche Erfahrungen aus Studium und Beruf als Informatikerin. Schon früh sei ihr signalisiert worden, dass Frauen in technischen Studiengängen und Berufen nicht selbstverständlich dazugehören. Solche Botschaften wirkten abschreckend, nicht wegen mangelnder Fähigkeiten, sondern aufgrund bestehender Rollenbilder und Ausschlussmechanismen.
Eisentraut machte deutlich, dass es dabei nicht um Einzelfälle gehe, sondern um strukturelle Probleme: Respektlosigkeit, stereotype Zuschreibungen und fehlende Sensibilität für Diskriminierung prägten in Teilen der Tech- und Wissenschaftslandschaft noch immer den Alltag. Das betreffe nicht nur die IT-Branche, sondern zeige sich auch in anderen MINT-Fächern. Entscheidend sei daher, nicht Frauen an die MINT-Berufe „anzupassen“, sondern die Rahmenbedingungen zu verändern.
Die schwarz-grüne Koalition in Nordrhein-Westfalen setzt genau hier an. Ziel aktueller Initiativen ist es, diskriminierende Strukturen an Hochschulen und in der Wissenschaft systematisch abzubauen und Betroffene besser zu schützen. Zusätzlich soll das geplante Landesantidiskriminierungsgesetz klare Standards schaffen.
„Frauen wollen Gleichberechtigung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb müssen sie überall dort vertreten sein, wo Entscheidungen getroffen werden, analog wie digital. Dazu gehört auch, dass soziale Netzwerke Frauen wirksam vor Hass und Hetze schützen und Frauen an der Gestaltung digitaler Räume beteiligt sind.“
Julia Eisentraut, Sprecherin für Wissenschaft, Digitalisierung und Weiterbildung im Landtag NRW
Um mehr Frauen für digitale Berufe zu gewinnen und langfristig zu halten, brauche es neben früher Förderung vor allem ein respektvolles, solidarisches Umfeld. Vernetzung, verlässliche Unterstützung und echte Strukturreformen seien der Schlüssel dafür, dass Begeisterung für Technik nicht verloren geht, sondern sich in beruflichen Perspektiven entfalten kann.
Austausch und Vernetzung
Beim anschließenden Frühstück nutzten die Teilnehmerinnen die Gelegenheit zu intensivem Austausch. Viele berichteten von eigenen Erfahrungen mit digitaler Gewalt oder Ausgrenzung in sozialen Medien.
Wir ziehen ein durchweg ein positives Fazit der Veranstaltung. Das große Interesse zeigt, wie wichtig Räume für Diskussion, Vernetzung und gegenseitige Unterstützung seien. Die Botschaft des Vormittags sei klar gewesen: Frauen müssen im digitalen Raum sichtbar bleiben – und sie lassen sich weder aus der politischen Debatte noch aus dem digitalen Raum verdrängen.












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